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Der einsame Apfelbaum

Der einsame Apfelbaum

Viele Jahre schon
stehe ich auf diesem Grundstück
viele zogen in das benachbarte Haus ein
viele zogen wieder aus
man erlebt viel als Apfelbaum

Ihr seht, ich habe
schon einige Ringe zu zählen
schon einige Schicksalsschläge erlitten

Lange Zeit kam mich keine Menschenseele besuchen
der Tag meiner Geburt jedoch, war einer dieser magischen Augenblicke,
der sich leben lassen will
und ich sage euch, ich lebte
doch Jahr um Jahr,
Ring um Ring,
wurde es immer kälter
die Sommer wurden kürzer,
dafür aber heißer
die Winter wurden kälter,
dafür aber länger
der Frühling und der Herbst
blieben mir als Lichtblicke
inmitten der Höhen und Tiefen
lange verlebte es sich so

einsam

doch ich war nie ganz verloren,
nie ganz alleine
die Vögel kamen ab und an
zu Besuch
und erfreuten sich an mir, so wie ich war
mal ruhten sie auf einem meiner Äste
mal nagten sie an einer meiner Früchte
mal tanzten sie von einem zum anderen Ast,
freudig singend
oh, wie sie strahlten
ihre Freuden
stimmten mich freudig
erfüllten mich mit Licht

Menschenkind, lasse mir dir sagen
meine Blätter waren mit Pilzen befallen
meine Früchte von Würmern heimgesucht
meine Rinde am Faulen
an mir fand man nichts Ansehnliches mehr
und doch
kamen sie immer wieder,
die Kinder der Natur
und erfreuten sich an mir
ich hatte nicht viel
so hielt ich es auch

  • einfach und bescheiden
    doch ich lebte
    durch die schwersten aller Winter
    durch die einsamste aller Nächte
    durch all das,
    was man
    als schlimm erachten würde
    bis die Morgensonne mich lieblich küsste
    mir zuflüsterte
    der Tag wird kommen,
    an dem du
    in voller Blüte
    erwachst
    die Liebe kennt keine Grenze
    deine Bescheidenheit
    schenkte dir die Bodenständigkeit
    deine Ausdauer
    schenkte dir die Beständigkeit
    deine Geduld
    schenkte dir die Triebkraft
    deine Liebe
    gab dir die Gewissheit
    deine Krone
    das Tor zum Göttlichen
    war deine Verbindung zur Allgegenwart
    siehst du nicht,
    in all deiner Einfachheit
    bist du reich an Schönheit
    oh, was bist du schön
    was wirst du geliebt
    so wie du bist,
    höre auf mich
    und lasse dich nicht beirren
    durch noch so schwere Zeiten,
    du bist gewollt
    so wie du bist
    und das ist gut so.

Diese Worte kamen genau richtig
und ich erkannte, dass es sich lohnt
durch die Sümpfe des Lebens zu gleiten
mit der Hoffnung als treuer Wegbegleiter an der Seite
stets bereit über die eigenen Grenzen hinauszuwachsen.

Auch wenn es bald wieder dunkel wurde
um mich
so trug ich Sie
die Morgensonne
doch immerfort in meinem Herzen
und siehe da
ich stehe
selbst heute noch
hier
auf diesem Fleckchen Erde

die Vögel singen weiterhin ihre Lieder
die Jahreszeiten kommen und gehen
und auch die Menschen kehren immer noch ein und aus

Siehe da
es ist alles im Fluss

und das ist auch gut so.