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Oliver und Frau Klatschmohn

Es war ein ganz gewöhnlicher Tag
als Oliver,
die Raupe,
sich auf eines von Frau Klatschmohns Beinen setzte.

Nur für eine Weile,
um sich kurz auszuruhen,
sagt er,
erschöpft vom ganzen Grübeln,
über die großen Fragen des Lebens.

Es ist Sommer
Die Sonne lächelt hoch oben im Himmel
Die Bienen summen zum Klang des Honigs
Die Bäume schaukeln in der sommerlichen Brise

Frau Klatschmohn,
eine schon etwas ältere Dame,
beugt sich ein klein wenig nach vorne,
aber nur genau so viel, wie nötig,
um Oliver ihre Ohren leihen zu können,
denn schließlich möchte sie ihm,
im Stillen und Stummen,
mit ihrer vollen Aufmerksamkeit
zuhören.

So beugt sie sich also
und weitet ihre Lauscher,
so weit wie sie nur kann,
als Oliver beginnt,
ihr von all seinen Sorgen zu erzählen

‚Ich bin so müde, das Leben kann so anstrengend sein
Ich bin so klein und die Welt so groß
Manchmal fühle ich mich unbeachtet
ganz und gar wertlos, ohne meine Flügel
weißt du, ich wollte mein ganzes Leben lang schon ein Schmetterling sein,
aber ich weiß nicht wie
Ich möchte der Welt gehören
und gleichzeitig ich selbst sein
(Oliver seufzt tief auf)
Oh, Frau Klatschmohn,
aber ich weiß nicht wie

ich, ich selbst sein kann
in diesem, meinem nackten Körper,
der, der sich angeblich zu Hause nennt,
der, den manche möglicherweise abstoßend finden würden,
schließlich ist es ein nackter Körper,
der nichts vorzuweisen hat,
Sag mir, Frau Klatschmohn,
du, die Teil der großen Schöpfung ist,
du, die sich nicht verbiegt und nicht verbiegen lässt,
du, die unerbittlich strahlt,
so hell wie die Sonne,
du,
die auf unserem weltlichen Weg,
stets Geschichten von bedingungsloser Liebe webt,
sag mir doch, bitte,
wie kann ich Sein,
wie kann ich, Ich sein?“

Frau Klatschmohn,
eine weise Frau,
lächelt wohl wissend,
und beugt sich noch ein bisschen weiter nach vorne,
dieses Mal, auf eine Art und Weise,
auf die Oliver es auch bemerkt,
und
so wie eine Mutter mit ihrem Kind sprechen würde,
flüstert sie Oliver liebevoll zu
‚meine kleine, süße Raupe,
Du bist das Samenkorn, das noch wachsen und aufblühen wird,
Du bist die Sonne, die noch scheinen wird
Der Wind, der noch wehen wird
Die Welle, die noch aufsteigen
und fallen wird,
siehst du nicht, mein Kleiner,
auch du bist Teil des gesamten Universums,
der gesamten Schöpfung.
Das Universum unterscheidet nicht
zwischen
Schönheit und Hässlichkeit
Größe und Mangelhaftigkeit
Dickheit oder Schlankheit
zwischen
richtig und falsch
jung und alt
denn du, kleine Raupe, bist auf deinem Weg
zu Werden,
mit der Liebe an deiner Seite
wirst du dich finden
in jedem Samenkorn;
wirst dich sehen
in den Augen der Anderen
und du wirst
Sein;
steigen und fallen
mit den Wellen des Ozeans,
der sich ‚Leben‘ nennt.

Ruhe dich aus, Kleiner,
und lasse die Liebe ihre Arbeit machen
denn sie wird auf eine Weise mit dir sprechen,
wie sie der Geist nicht verstehen kann;
denn sie wird sich dir in deinen Träumen zeigen
und dann, wenn du es am wenigsten erwartest.

Ruhe nun, mein Kleiner,
denn du bist
hier
bei
mir
in Sicherheit.